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Politische Verfolgung in der DDR
Ein Zeitzeugen-Projekt von Alexandra Pohlmeier im Auftrag der
„Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“

 

Im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung führte Alexandra Pohlmeier im Zeitraum Januar bis August 2005 dreizehn lebensgeschichtliche Video-Interviews mit Zeitzeugen zum Thema „Politische Verfolgung in der DDR“.

Das etwa 90 Stunden umfassende dv-Material enthält vier Zeitzeugeninterviews zum Haftarbeitslager Glowe auf Rügen (Männer 1951-53), jeweils drei Interviews zum Frauengefängnis Hoheneck (70er Jahre), zu Verfolgten Schülern (50er und 80er Jahre), zu Zersetzungsmaßnahmen (80er Jahre) und zur Behandlung in der Psychiatrie  (70er und 80er Jahre). Zusätzlich gibt es knapp 10 Stunden Interviewmaterial mit zwei Psychiatern und zwei Therapeuten, die heute mit Opfern politischer Verfolgung in der DDR beruflich zu tun haben und über die psycho-soziale Situation der Betroffenen berichten.

 

Hintergrund zur Entstehung des Projektes:

Alexandra Pohlmeier ist 1960 in München/BRD als Tochter eines Psychiaters und einer Richterin geboren.

Der Vater, auch als Psychoanalytiker und Psychotherapeut ausgebildet, arbeitete Anfang der 60er Jahre am Max-Planck-Institut in München mit seinem Lehrer Paul Matussek an der „Psychiatrie der Verfolgten“ und beschäftigte sich als Gutachter mit den psychischen Folgeschäden von Verfolgung durch die Nazis.

Die Mutter hatte als Vorsitzende Richterin am „Landgericht München II“ 25 Jahre lang hauptsächlich über sogenannte „Entschädigungsverfahren“ zu entscheiden, in denen Verfolgte des Nazi-Regimes den Freistaat Bayern auf Entschädigung verklagten.

Über diese besondere familiäre Konstellation wurde sich Alexandra Pohlmeier erst 1986 bewusst, als sie an der Münchner Filmhochschule ihr Regie-Studium mit einem 60minütigen Dokumentarfilm über ihre Eltern abschloss.

Im November 1989 kam - für Alexandra Pohlmeier völlig überraschend - der Fall der Berliner Mauer und leitete “die Wende”  ein. Die deutsche Bundesregierung, begann zu überlegen, wie man die Opfer der SED-Willkürherrschaft (wie es damals hieß) entschädigen könnte. Einschlägig erfahrene Juristen - wie Pohlmeiers Mutter - wurden gesucht und 1991 nach Thüringen gesandt, um dort das erste Amt für Rehabilitierung und Wiedergutmachung in der ehemaligen DDR aufzubauen. Diesmal, um die Opfer der SED-Diktatur zu entschädigen.

Für Pohlmeier schien das ein Aberwitz deutscher Geschichte und sie begann sich  seither  intensive mit den Lebensgeschichten von Menschen in der ehemaligen DDR zu beschäftigen.

Ihr erstes finanziertes Projekt, das diese Themenkreise untersucht, ist das „Zeitzeugenprojekt in Bild und Ton“ im Auftrag der “Stiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur” das im Sommer 2005 abgeschlossen wurde.

Die Politische Verfolgung in der DDR hatte viele Gesichter: Inhaftierung, psychischer Druck bis hin zu gezielten Zersetzungsmaßnahmen, berufliche Behinderung, Einflussnahme auf Krankengeschichten,... - um nur einige zu nennen.

Zu fünf Themenschwerpunkten wurden mit je drei Zeitzeugen ausführlich, d.h. lebensgeschichtlich, mit detaillierten Fragen zur Vorgeschichte, zur Verfolgungssituation und deren Nachwehen befragt:

  • Haftarbeitslager Glowe auf Rügen, 1952-53
  • Frauengefängnis Hoheneck, bis 1991
  • Verfolgte Schüler
  • Zersetzung
  • Psychiatrie

Die Interviews wurden in den Wohnungen der Zeitzeugen auf  dv cam aufgezeichnet. Das ist digitales Videomaterial, das auf jeden Fall in Deutschland sendefähig ist. Die Zeitzeugen gaben ihr Einverständnis zur Nutzung entweder uneingeschränkt oder mit der Einschränkung, bei einer Nutzung in den Massenmedien gefragt werden zu wollen.

Nach Beendigung des Projektes im Juli 2005 gingen die Kassetten ungeschnitten in das Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur [www.stiftung-aufarbeitung.de] und sollen dort der Nutzung und Forschung zugänglich gemacht werden.

Neben dem „Alter der Zeitzeugen“ und „Unbekanntheit des Schicksals“ war eines der übergeordneten Kriterien für die Auswahl der betreffenden Personengruppen, dass es für diesen Personenkreis keinen Ort des Gedenkens gibt und voraussichtlich auch in Zukunft nicht geben wird.

 

Die Interviews im Einzelnen

Zum Haftarbeitslager Glowe“ auf Rügen wurden insgesamt vier Zeitzeugen befragt:

 

Günther Friedrich, geb. 1932 in Mecklenburg-Vorpommern.

Er wurde als 17jähriger verurteilt, weil er dem Bildnis Stalins mit einer brennenden Zigarette das Auge ausgebrannt hatte.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei aufeinander folgenden Tagen in der Wohnung des Zeitzeugen in Neunkirchen/Saarland statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von ca. vier Stunden (242 Minuten).

Auf den Kassetten 6, 7 und 8 ist durch einen Kameradefekt das Bild grün, der Ton ist einwandfrei.

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Siegfried Barth, geb. 1930 in Apolda/Thüringen.

Er wurde als Zeuge Jehovas verfolgt.

Trotz seiner krankheitsbedingt schlechten Aussprache sind alle Textpassagen verständlich.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei aufeinander folgenden Tagen im Haus des Zeitzeugen in Remscheid statt und hat eine Gesamtlänge von knapp fünf Stunden (ca.295 Minuten).

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Siegfried Dumat, geb. 1928 in Tilsit/Ostpreußen

Er wurde als Zeuge Jehovas verfolgt.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei aufeinander folgenden Tagen in der Wohnung des Zeitzeugen in Speyer statt und hat eine Gesamtlänge von knapp drei Stunden (ca.164 Minuten).

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Gottfried Einbock, geb. 1934

Er wurde als 17jähriger verurteilt, weil er Flugblätter verteilt und auf einem Plakat Stalins Augen mit einer Zigarette ausgebrannt hat.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an einem Tag im Haus des Zeitzeugen in Gera statt und hat eine Gesamtlänge von 1 1/2 Stunden (ca.92 Minuten).

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Zum Frauengefängnis Hoheneck“ wurden zwei ehemalige politische Gefangene aus den 70er Jahren und eine Schließerin, die dort von 1974-83 gearbeitet hat, befragt.

Tatjana Sterneberg, geb. 1952 in Ost-Berlin

Sie wurde als 21jährige zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie versucht hat, zu ihrem Verlobten nach West-Berlin zu fliehen. 1976 wurde sie von der BRD freigekauft.

Die Aufzeichnung des Interviews fand in der Wohnung der Zeitzeugin in Berlin an sechs Tagen statt, jeweils an drei aufeinander folgenden mit einem freien Tag dazwischen. Das Interview hat eine Gesamtlänge von annähernd fünfzehn Stunden (ca.878 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Anonyma, geb. 1942, Mädchenname xy
(teilweise mit Ehemann, der in Cottbus einsaß)

Sie wurde zu dreieinviertel Jahren Haft verurteilt, weil sie mit ihrem jetzigen Mann versucht hat, in die BRD zu fliehen. Sie wurde von der BRD freigekauft.

Die Aufzeichnung des Interviews fand in der Wohnung der Zeitzeugin in München an einem Tag statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von knapp 4 Stunden (ca.227 Minuten).

Die Zeitzeugin (und ihr Mann, der teilweise mit im Bild ist und etwas erklärt) haben eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung unterschrieben.

 

Irina Kreuzer, geb.1956 in Ost-Berlin, Mädchenname Freygang, geschiedene Szabo, geschiedene Günzel

Sie hat von 1974-1983 als Wachtmeisterin in Hoheneck gearbeitet.
(Nicht zu verwechseln mit einer anderen, gefürchteten Wachtmeisterin Günzel in Hoheneck)

Die Aufzeichnung des ersten Teils des Interviews fand in einem Nebenraum eines Hotels statt, der zweite Teil in der Wohnung der Zeitzeug, in der Nahe von Nürnberg. Das Interview hat eine Gesamtlänge von 4 Stunden (ca. 240 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Zum Themenkomplex „Verfolgte Schüler“ wurden drei Zeitzeugen befragt.

Anonyma, geb. 1957, Mädchenname xy

Als Tochter eines Pfarrers durfte sie kein Abitur machen. Diese Tatsache wie auch ihre weitere berufliche Behinderung wurden gerichtlich bisher nicht als politische Verfolgung anerkannt.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei aufeinander folgenden Tagen im Haus der Zeitzeugin bei Prenzlau statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von knapp 5 Stunden (ca.293 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung unterschrieben, in der sie die Nutzung für alle Bereiche nach persönlicher Rücksprache mit ihr gestattet.

 

Dr. Ruth Leiserowitz, geb. 1958 in Prenzlau, Mädchenname Kibelka

Als Tochter eines Pfarrers durfte sie kein Abitur machen. Diese Tatsache wie auch ihre weitere berufliche Behinderung wurden gerichtlich bisher nicht als politische Verfolgung anerkannt.

Ausgesucht als Zeitzeugin für die Gruppe der „Verfolgten Schüler“ schildert sie als ehemaliges Mitglied der Berliner „Frauen für den Frieden“ noch einen anderen Verfolgungsaspekt.

Die Aufzeichnung fand an zwei weit auseinander liegenden Tagen in der Wohnung der Zeitzeugin in Berlin statt. (Zwei Termine zwischendurch hatte die Zeitzeugin vergessen.) Das Interview hat eine Gesamtlänge von etwas mehr als drei Stunden (ca.186 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Dieter Walter, geb. 1940 in Greiz/Thüringen

Herr Walter wurde kurz vor seinem Abitur verhaftet, weil er sich um internationale Jugendkontakte bemühte und sich gegen die weitere Teilung der beiden deutschen Staaten stellte.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei Tagen in der Wohnung des Zeitzeugen in Berlin-Pankow statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von knapp 4 1/2 Stunden (ca. 258 Minuten).

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Zum Themenkomplex OV mit Zersetzungsmaßnahmen“  wurden drei Zeitzeugen befragt.

Christoph Wonneberger, geb. 1944

Als Jugendpfarrer in Dresden und Leipzig geriet er ins Visier der Stasi. Unter anderem entwickelte er die Idee zum „Sozialen Friedensdienst“ (SoFD) und veranstalte seit 1986 Friedensgebete in Leipzig. Sein OV bei der BV Dresden hieß „Provokateur“.

Seit seinem Schlaganfall am 30.10.1989 hat er erstmalig ein solches Interview gegeben. Seine Sprachschwierigkeiten sind auf diesen Schlaganfall zurückzuführen.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei Tagen in der Wohnung des Zeitzeugen in Leipzig statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von rund  6 1/2 Stunden (ca.380 Minuten).

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung für die uneingeschränkte Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Anonyma, geb. 1952 in Erfurt, Mädchenname xy

Wegen Republikflucht 1974 in Ungarn verhaftet, wurde sie in Erfurt wegen „Republikflucht“ und „asozialen Verhaltens“ zu zwei Jahren und vier Monaten verurteilt. Bis zu ihrem Freikauf in die BRD 1975 saß sie in Hoheneck ein. An Hoheneck hat sie bis heute jede Erinnerung verloren.

Sie schildert diverse Zersetzungsmaßnahmen vor ihrer Inhaftierung. Ein OV wie auch das Urteil wurden bisher nicht gefunden.

Das von ihr angestrebte Rehabilitierungsverfahren hat mangels vollständiger Stasi-Akten bisher keine Aussicht auf Erfolg.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an einem Tag in der Wohnung der Zeitzeugin in Berlin statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von etwa 4 1/2 Stunden (ca.272 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung des Materials  unterschrieben.

 

Anonyma, geb. 1939

Für Frau A. wurde analog zum Titel ihres ersten veröffentlichten Buches ein OV angelegt, in dem es einen Maßnahmeplan zur Zersetzung gibt. Als Geliebte eines bekannten Oppositionellen, von dem sie zwei Kinder hat, war sie auch in dessen OV erfasst.

Sie berichtet anschaulich von diversen Zersetzungsmaßnahmen, die teilweise bis heute wirken.

Die Aufzeichnung des Interviews fand in der Wohnung der Zeitzeugin an einem Tag in Berlin statt. Das Interview hat eine Länge von knapp fünf Stunden (ca. 296 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Zum Thema „Psychiatrie“ wurden drei Zeitzeugen befragt:

Anonymus, geb. 1937 in Leipzig

Herr A. wurde 1970 verhaftet, weil er an der „Plakataktion“ gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 beteiligt war. Dafür wurde er aber nie verurteilt. Wegen seiner hartnäckigen Weigerung in den Verhören, mit der Stasi zu kooperieren, wurde er psychiatrisch begutachtet.

Wegen „staatsfeindlicher Gruppenbildung“, „Beihilfe zur staatsfeindlichen Hetze“ und „in Tatmehrheit mit einem Verbrechen des staatsfeindlichen Menschenhandels“ wurde er 1972  zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
Ein Missbrauch der Psychiatrie liegt hier nachweisbar durch den weiteren Wortlaut des Urteils vom 13.4.1972 vor: „Gem. § 16 Abs.3 StGB wird nach Verbüßung der Freiheitsstrafe die Einweisung des Angeklagten in eine psychiatrische Einrichtung angeordnet.“ Der Fall des Zeitzeugen wurde von der Sächsischen Kommission zum Missbrauch der Psychiatrie in der DDR als Fall Nr. 183 von politischem Missbrauch anerkannt. Dafür hatte sich der Zeitzeuge Anfang der 90er Jahre in Tübingen nochmals von einem Psychiater, Prof. Dr. Foerster begutachten lassen. Das Ergebnis war eindeutig, dass Herr Koch psychisch gesund ist.

Die Aufzeichnung des Interviews fand im Haus des Zeitzeugen in Mühlheim/Ruhr an drei aufeinander folgenden Tagen statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von knapp acht Stunden (ca. 470 Minuten).

Der Zeitzeuge hat eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Anonyma, geb. 1952 in Dresden, Mädchenname xy

Als evangelische Pastorin aktiv für Frieden und Umweltschutz immer unter Druck gerät sie 1984 in eine schwere psychische Krise. Sie vermutet, dass ihr jemand eine Substanz gegeben hat, die eine Psychose bei ihr ausgelöst hat.

Dazu nimmt Herr Prof. Dr. Freyberger, der heutige Leiter der Klinik Stralsund, in der sie damals behandelt wurde, in seinem Experteninterview ausführlich Stellung.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an zwei aufeinander folgenden Tagen im Haus der Zeitzeugin bei Northeim statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von 5 1/2 Stunden (ca. 330 Minuten).

Die Zeitzeugin hat eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Anonymus, geb. 1949 in Magdeburg

Als Transvestit gehört er zu einer sexuellen Minderheit, die in der DDR verfolgt wurde. Als er wegen seiner sexuellen Veranlagung 1966 den Wehrdienst total verweigerte, musste er sich in psychiatrische Behandlung begeben. Er wurde im Lauf der Jahre gegen seinen Willen psychiatrisch zur Heterosexualisierung behandelt.

Um sich einer drohenden Verhaftung zu entziehen, beging er 1988 einen Selbstmord-versuch. Seine Patientenverfügung wurde ignoriert und seine Rehabilitierungsanträge wurden bisher abgelehnt.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an drei aufeinander folgenden Tagen in der Wohnung des Zeitzeugen in Magdeburg statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von knapp 7 1/2 Stunden (ca. 440 Minuten).

Der Zeitzeuge hat zu seinem Schutz eine Einverständniserklärung zur eingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Die vier Experteninterviews  wurden mit

Dr. Stefan Trobisch-Lütge, Leiter der Beratungsstelle „Gegenwind“, Berlin
Dr. Christian Pross, Behandlungszentrum für Folteropfer, Berlin
Prof. Dr. Harald Freyberger, Klinikleiter der Psychiatrischen Klinik Stralsund und Professor an der Ernst-Moritz-Arndt Universität, Greifswald, und seinem Oberarzt
Dr. Carsten Spitzer geführt.

Dr. Stefan Trobisch-Lütge, geb.1961

Herr Dr.Trobisch-Lütge beschreibt die Arbeit in der Beratungsstelle „Gegenwind“ und die psychischen und sozialen Schwierigkeiten der Opfer der SED-Herrschaft im Jahr 2005.

Ausführlich nimmt er Stellung zu dem Fall einer Zeitzeugin, die in der DDR wegen „paranoider Schizophrenie“ zwangsweise in die Psychiatrie kam, 1986 aus der Psychiatrie in die BRD ausreisen durfte, dort aber nicht Fuß fassen konnte und bis heute immer wieder wegen akuter Angstzustände in psychiatrischer Behandlung ist.
Leider musste mir die Zeitzeugin für ihr Interview wegen einer akuten psychischen Krise kurzfristig absagen, so dass sich hier das Experteninterview nicht mit dem der Zeitzeugin ergänzen lässt.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an einem Tag in der Beratungsstelle „Gegenwind“ in Berlin statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von knapp 1 1/2 Stunden (ca. 84 Minuten).

Der Interviewpartner hat eine Einverständniserklärung zur uneingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Dr. Christian Pross, geb. 1948

Dr. Christian Pross erzählt von der Entstehungsgeschichte des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin und seiner speziellen Arbeit dort mit Verfolgten der SED. Er schildert auch seinen eigenen biografischen Bezug zu dieser Arbeit.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an einem Tag im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von gut  1 1/2 Stunden (ca.95 Minuten).

Der Interviewpartner hat eine Einverständniserklärung zur uneingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Prof. Dr. Harald Freyberger, geb. 1958 und
Dr. Carsten Spitzer, geb. 1964

Zu Beginn des Interviews berichtet Dr. Carsten Spitzer, Leiter des Forschungsprojektes „Psychosoziale Gesundheitsschäden infolge politischer Repression in der ehemaligen SBZ/DDR“ über Zersetzungsmaßnahmen und deren Folgen.

Prof. Dr. Freyberger, Klinikleiter der Psychiatrischen Klinik Stralsund und Professor an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald, nimmt ausführlich Stellung zu dem Fall der ebenfalls in Rahmen dieses Projektes befragten Zeitzeugin Anonyma. Sie war 1984 im Klinikum Stralsund und Herr Prof. Dr. Freyberger hat sich als heutiger Klinikleiter ihre alte Akte aus dem Archiv angesehen. Für ihn ist der Fall auch aus Sicht der Geschichte der Klinik interessant.

Allgemein geht er auf Fragen nach einem möglichen Missbrauch der Psychiatrie in der ehemaligen DDR ein.

Die Aufzeichnung des Interviews fand an einem Tag im Klinikum Stralsund statt. Das Interview hat eine Gesamtlänge von gut zwei Stunden (ca.128 Minuten). 

Beide Interviewpartner haben eine Einverständniserklärung zur uneingeschränkten Nutzung des Materials unterschrieben.

 

Kommentar zu den Interviews:

Fünfzehn Interviews (fünfzehn Jahre nach der Wende) sind angesichts von 300 000 politischen Gefangenen in der SBZ/DDR natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein der sich täglich verändernden Erinnerung.

Von neun Befragten unterschiedlichen Alters hat jede/r davon berichtet, dass das Ministerium für Staatssicherheit („Stasi“) sie/ihn im Alter zwischen 15 und 18 gefragt hat, ob sie/er Informationen für die Stasi liefern würde. Jede/r hat das abgelehnt - mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen.

Dies ist ein Beispiel dafür, dass im Schicksal jedes der Befragten sich mehrere Verfolgungsaspekte manifestieren und im Interview nicht nur über die spezielle Thematik gesprochen wurde, für die sie/er ursprünglich ausgewählt wurde. So sind zwei Zeitzeugen, die über die Bedingungen der Haftarbeit im Haftarbeitslager Glowe auf Rügen befragt wurden, als Zeugen Jehovas verfolgt worden.

Im Rahmen historischer und soziologischer Seminare sind in den letzten fünfzehn Jahren verschiedenste Interviews geführt worden, allerdings wurde kaum eines professionell in Bild und Ton festgehalten. In Fortführung eines Kleistschen Titels bietet diese Aufzeichnung aber die aussagekräftige Möglichkeit, den Menschen beim Verfertigen seiner Gedanken und Gefühle zuzusehen und so, nicht nur zu dokumentieren, was er sagt, sondern vor allem auch, wie er es sagt.

Aus diesem Grund möchte Alexandra Pohlmeier diese Interviews - auch mit jüngeren Zeitzeugen - sehr gerne fortführen, um die thematisch sortierten Interviews später über eine Datenbank der öffentlichen Nutzung zur Verfügung stellen zu können. Sowohl für das Führen der Interviews als auch für den Aufbau der Datenbank werden Geldgeber gesucht.

 

Resümee

Als übergeordneter Aspekt bei der Auswahl der Zeitzeugen stand zu Beginn des Projektes im Vordergrund, Menschen zu finden, für deren Verfolgungsschicksal es keine Gedenkstätte geben wird, um mit diesen Interviews wenigstens auf diese Weise Erinnerung und Gedenken zu ermöglichen.

Jetzt - nach Beendigung des Projektes - ergibt sich das Bild, dass hier Menschen ihre Geschichte erzählen, die - bis auf eine einzige Ausnahme (Buchveröffentlichung) - mit ihrer Geschichte selbst noch nie an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Anders als in bisher veröffentlichten Fernsehbeiträgen berichtet hier nicht die „Prominenz“ der Bürgerbewegung und nicht die Intellektuellenschicht über ihre Erfahrungen in der DDR, sondern diese Interviews repräsentieren ein relativ breites Spektrum der Bevölkerung - bezogen auf Alter, Beruf und soziale Herkunft.

Insofern ist Alexandra Pohlmeier umso dankbarer, dass sich die Stiftung Aufarbeitung entschlossen hat, dieses Projekt zu unterstützen, da es einen Schatz von Erinnerungen gehoben hat, der sonst nie entstanden wäre.

Nutzung

Im Archiv der Stiftung zur Aufarbeitung liegen Kopien der gesamten Interviews auf DVD zur Nutzung bereit. Leider gibt es bisher keine Beschlagwortung und keine Transkriptionen davon.

http://www.stiftung-aufarbeitung.de
pohlmeier-alexandra@web.de

 © Alexandra Pohlmeier, Germany


 


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